Eindrücke von der Veranstaltung «Was bedeutet Freiheit»

Am 21. März fand an der Universität Basel ein Treffen mit Maksym Butkevych statt, einem ukrainischen Menschenrechtsaktivist, Journalist, Gesellschaftsaktivist, Mitbegründer von „Hromadske Radio“, Soldat der ukrainischen Streitkräfte und ehemaliger Kriegsgefangener. Seine öffentlichen Auftritte sind nicht nur als persönliches Zeugnis eines Menschen wichtig, welcher den Krieg und Gefangenschaft durchlebt hat, sondern auch als Versuch, diesen Krieg in einem breiteren – politischen, moralischen und zivilisatorischen – Kontext zu erklären.

Als er über seine Gefangenschaft sprach, erzählte Maksym Butkevych weniger von seinen persönlichen Erlebnissen, sondern vielmehr über das System, in welchem er sich befand. Er sprach über die Menschen, die ihn gefangen hielten, über die Wirkung der Propaganda, über die Mechanismen der Bewusstseinsverzerrung. Darüber, wie Gewalt im russischen System zur Alltäglichkeit wird, und wie in dieser Alltäglichkeit die Grenze zwischen persönlicher Verantwortung und Unterwerfung systembedingt verschwindet. Es war ein Versuch, die russische Realität genauer zu beschreiben, ohne sie zu vereinfachen, aber auch ohne den moralischen Halt zu verlieren.

Einer der Kerngedanken des Treffens war, dass der russisch-ukrainische Krieg nicht nur ein Krieg um Gebiete, Staatsgrenzen oder die Kontrolle über Ressourcen ist. Es ist vor allem ein Krieg der Werte. Und zwar nicht irgendwelche besonders ukrainische, isolierte oder nur für Ukrainer verständliche Werte, sondern genau jene, auf denen die europäische politische Kultur basiert: Freiheit, Würde, Menschenrechte, Verantwortung, Selbstbestimmung. Genau deshalb wehte während der Revolution der Würde neben den ukrainischen Flaggen auch die Flagge der Europäischen Union. Nicht als dekoratives politisches Symbol, sondern als Zeichen eines gemeinsamen Wertefeldes.

Nicht weniger wichtig war das Thema Freiheit. Nicht als schönes Wort für feierliche Reden, sondern als etwas Zerbrechliches und Schutzloses. Die europäischen Gesellschaften haben viel zu lange in der Vorstellung gelebt, Freiheit sei ein bereits gefestigter Zustand, der keiner täglichen Anstrengung bedürfe. Die Erfahrungen der Ukraine zeigen etwas anderes. Freiheit wird nicht ein für alle Mal gewährt. Man muss sie verteidigen, bekräftigen und bewahren. Und das oft zu einem Preis, auf den friedliche Gesellschaften weder psychologisch noch politisch vorbereitet sind.

Separat sprach Maksym Butkevych über seine eigene Entscheidung, zu den Waffen zu greifen und zum Militär zu gehen. Dies war ein wichtiger Teil des Gesprächs, insbesondere für ein europäisches Publikum, das oft daran gewöhnt ist, Humanismus und Pazifismus als in sich geschlossene ethische Positionen zu betrachten. Tatsächlich, so betonte er, muss es jemanden geben, der in kritischen Momenten die Pflicht etwas zu verteidigen übernimmt, damit andere retten, evakuieren, behandeln, ehrenamtlich helfen oder einfach nur überleben können. Das ist eine jener einfachen, aber unbequemen Wahrheiten, welche aufgrund der militärischen Aggressionen wieder in die Realität zurückkehrt.

Ein weiterer wichtiger Gedanke betraf die Ukraine selbst. Mit dem russischen Nachbarn hätte sie sich längst zu einem Staat entwickeln können, in dem alles allein der Logik des Überlebens unterordnet wäre. Doch die ukrainische Gesellschaft entschied sich immer wieder für den schwierigeren Weg: nicht den Verzicht auf Freiheit zugunsten von Sicherheit, sondern ein ständiges Halten des Gleichgewichts zwischen Demokratie und der Notwendigkeit diese zu verteidigen. Darin liegt vielleicht eine der wichtigsten Wahrheiten über die heutige Ukraine. Die Ukrainer bauen ihre Demokratie nicht unter idealen Bedingungen auf. Sie versuchen diese unter dem Druck des Krieges, der Geschichte und der Nachbarschaft zum russischen Imperium aufrechtzuerhalten. Dies als Hinweis auf die Perspektive, aus der Europa die Ukraine betrachten sollte.

Für viele war dieses Treffen eine Gelegenheit zu erkennen, dass die Ukraine heute nicht am Rande der europäischen Welt kämpft, sondern in ihrem wertemässigen Zentrum. Maksym Butkevych ist eine sehr wichtige Stimme in dieser Diskussion und es ist gut, dass ein solches Treffen in Basel stattfinden konnte.

Roksana Ilasevich, Mitglied des Vereines UKRAINER IN BASEL